Future Urban Industries: Vom Menschen aus gedacht

Geht es nach den Menschen, ist eine Fabrik nicht die Nachbarschaft, die man im Umfeld seines Wohnhauses wünscht. In der Stadtplanung sind daher die Gewerbegebiete meist an den Stadtrand gedrängt. Trotzdem gibt es historisch verankerte Produktionsstandorte in deutschen Städten wie zum Beispiel Beiersdorf in Hamburg. Auch einige Neuansiedlungen auf industriellen Brachflächen in Stadtgebieten sind auszumachen. Wie sieht deren Zukunft aus, wenn man die Stadtbewohner in der Nachbarschaft fragt? Gerade bei der deutschen Gesellschaft, die beim Umweltschutz eine weltweite Vorreiterstellung einnimmt und gleichzeitig Kindergeschrei in Pausenzeiten von Kitas als Lärmbelästigung empfindet, stehen städtische Produktionsstandorte unter besonders kritischer Beobachtung. Eine Verlagerung aus der Stadt hätte weniger Belastung durch Verkehrs- und Produktionsemissionen (Abgase, Lärm, Erschütterungen etc.) zur Folge. Zudem ergeben sich Gestaltungsmöglichkeiten, die häufig eine Aufwertung des Stadtbildes unter architektonischen Gesichtspunkten gestattet. Nicht zuletzt wird das Risiko für die Anwohner bei Havariefällen in der Produktion durch die räumliche Trennung reduziert.

Wäre daher einer städtischen Gesellschaft mehr gedient, wenn sich die Industrie in Zukunft aus der Stadt zurückzieht bzw. fern hält? Oder gibt es auch Gründe für ein Verbleiben von Industriestandorten im städtischen Raum? Welche Voraussetzung muss eine Industrieanlage erfüllen, damit sie bei den Stadtbewohnern akzeptiert wird? Wie viel Nähe ist akzeptabel, wie viel Abstand sinnvoll?

Durch eine Verlagerung der Produktion in das Umland entstehen längere Arbeitswege für die Mitarbeiter. Hierzu muss jedoch angemerkt werden, dass industrielle Arbeitsplätze aber nur noch einen kleinen und stetig schrumpfenden Anteil der Erwerbstätigen in Deutschland ausmachen. So arbeiten in der ehemaligen Industriehochburg Dortmund heute weniger als 10 % im verarbeitenden Gewerbe, Tendenz auch hier fallend. Weiterhin ist zu bedenken, dass eine Verlagerung eines Produktionsstandortes viel Geld kostet. Es besteht die Gefahr, dass im Gegenzug Arbeitsplätze gestrichen werden, um die Bilanz zu verbessern. Auch kann sich das Unternehmen für einen Standort in einer anderen Stadt oder in einem anderem Land entscheiden. Damit würden der Region bzw. dem Land wertvolle Arbeitsplätze verloren gehen.

Verkehrsminister Ramsauer fasst die Problematik in einem Interview mit den Worten zusammen: „Es gibt kein Industrieland ohne Nebenwirkungen. Ohne Energie und ohne Verkehr gibt es keine Investitionen und keine Arbeitsplätze. Aber wir müssen gleichzeitig das bewahren, was ein Gegengewicht zu diesen Belastungen bildet: unsere Lebensqualität und Kulturlandschaften.“
(Verkehrsminister Ramsauer in der FAZ am 21.12.2011 http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/verkehrsminister-ramsauer-es-gibt-kein-industrieland-ohne-nebenwirkungen-11575173.html)

Eine einfache Antwort auf die Frage, ob Industrie in der Stadt sinnvoll ist oder nicht, gibt es daher nicht. Eine zukunftsweisende, städtische Industrie muss aber zumindest emissionsarm sein, will sie in einer urbanen Nachbarschaft bestehen. Dies ist sicher, wenn man vom Menschen aus denkt.