Standort Deutschland: Renaissance von Stadt und Industrie

Die Entwicklungen der letzten Jahre lassen für Deutschland sowohl eine Renaissance der Stadt als auch eine Renaissance der Industrie erkennen. Gerade die Finanz- und Staatenkrise zeigt, dass für die langfristige Positionierung des Wirtschaftsstandortes Deutschland in der Welt ein technologisch hochentwickelter und wettbewerbsfähiger industrieller Kern von elementarer Bedeutung ist. Der Vergleich mit anderen europäischen Volkswirtschaften verdeutlicht, dass Deutschland vielen Länder bei der industriellen Prägung bzw. sektoralen Spezialisierung, der technologischen Entwicklung, der Erschließung von Weltmärkten sowie der Etablierung eines starken Mittelstandes weit voraus ist.

Im Zuge des kontinuierlichen Strukturwandels und des gestiegenen internationalen Standortwettbewerbs kam es in den letzten Jahren auch in Deutschland zu einer Neuausrichtung des industriellen Kerns. Das Bild von riesigen Industriekomplexen mit standardisierter Massenfertigung, wie ehemals die Kohle- und Stahlverarbeitung im Ruhrgebiet oder großen Chemieparks, hat sich deutlich gewandelt. Hohe Dynamik im industriellen Sektor verzeichnen heute in Deutschland insbesondere flexible und technologisch anspruchsvolle Maschinen- und Anlagenhersteller sowie mittelständischen Medizintechnikbetriebe, die sich oft mit wenigen hundert Mitarbeitern auf dem Weltmarkt über die Erschließung von Nischenmärkten erfolgreich positioniert haben. Durch diesen Wandel der Branchen- und Betriebsstruktur haben sich die unternehmerischen Standortanforderungen sukzessive verändert. Harten Standortfaktoren, wie der Verkehrsanbindung oder Verfügbarkeit von Flächen, kommt weiterhin eine elementare Bedeutung zu. Im Zuge der gestiegenen Qualifikationsanforderungen der Industrie und des zunehmenden Fachkräftemangels gewinnen weiche Standortfaktoren sowie die Einbindung in Unternehmens- und Forschungsnetzwerke zunehmend an Bedeutung. Gerade diese veränderten Standortanforderungen begünstigen starke (Groß-)Städte, die sich als Zentren der Wissensgesellschaft etabliert haben und eine hohe Sogwirkung als attraktive Lebens-, Arbeits- und Wohnstandorte für junge und hochqualifizierte Menschen ausüben. Diese Entwicklungen können zu einer Verlangsamung und Trendumkehr der Deindustrialisierung und der Verlagerung der Industrie aus den Städten führen. Die Betrachtung hinsichtlich Zukunft der Industrie darf allerdings nicht an der herkömmlichen statistischen Abgrenzung von Industrie und Dienstleistungen enden. Denn unternehmensnahe und wissensintensive Dienstleistungen sind in einer hochentwickelten und arbeitsteiligen Volkswirtschaft integraler Bestandteil der industriellen Wertschöpfungskette und damit auch Teil der Industrie.

Von der aktuellen Renaissance der Industrie und vielen langfristigen Trends, wie dem demografischen Wandel oder Trends zur Wissenschaftsgesellschaft, können Städte und urbane Standorte im Gegensatz zur Peripherie profitieren und die Entwicklung aktiv begleiten. Durch gezielte Maßnahmen in den Bereichen Innen- und Flächenentwicklung, Ausbau der Bildungs- und Hochschullandschaft sowie Modernisierung der technischen und sozialen Infrastruktur können Städte ihre Standortqualitäten verbessern und bedarfsorientiert weiterentwickeln.

Der anhaltend hohe Standortwettbewerb, begrenzte finanzielle Gestaltungsspielräume vieler Kommunen sowie deutliche Synergien bei der interkommunalen Kooperation machen deutlich, dass Konzepte und Strategien der industriellen Erneuerung im Stadt-Umland-Verbund erfolgversprechend erscheinen. Durch gemeinsames und abgestimmtes Handeln von Stadt und Umland können Zentralitäts- und Infrastrukturvorteile der Zentren mit Flächen- und Kostenvorteilen des Umlandes verbunden werden. Erst durch vernetztes Handeln können Industriebetrieben im Verbund mit Zulieferern und Dienstleistern der Region vor dem Hintergrund weltweiter Investitionsmöglichkeiten die bestmöglichen Standortbedingungen vor Ort angeboten und sichergestellt werden. Die Diskussion um die Zukunft der Industrie darf nicht nur mit Bezug auf die Stadt geführt werden, sondern muss gerade dem funktionalen Zusammenspiel von Stadt und Umland Rechnung tragen.