Way forward: Future Urban Industries 2016+

Seit der erfolgreichen Durchführung des Forschungsprojekts „Future Urban Industries: Szenarien für die re-industrialisierte Stadt“ in den Jahren 2012-2013 ist viel geschehen: Die über das Projekt aufgeworfenen Fragestellungen, insbesondere im Kontext „Manufakturen 2.0“, sind nun Bestandteil der aktuellen, internationalen Diskussion zum Thema „Industrie 4.0“. Hierzu ist mit dem „Kompendium Industrie 4.0“ auch eine weitere Publikation mit Handlungsempfehlungen an die Politik erschienen.

Die zentralen Fragestellungen zu den „Future Urban Industries“ wurden in einer Vielzahl öffentlicher Veranstaltungen sowie auf Einladung von Firmen und wissenschaftlichen Institutionen weiter erörtert, so zuletzt in Jieyang / China (Metal Eco City); Zürich / Schweiz (Jahresversammlung der IE Group) sowie in New South Wales / Australien.

„Future Urban Industries“ ist auch aktuell ein hilfreicher systematischer Rahmen und ein Denkmodell für die Bewältigung der Fragen, die mit der anhaltenden Urbanisierung aufkommen. Eine sehr positive Entwicklung hat hier ebenfalls das deutlich umfangreichere Nachfolgeprojekt „Urban Factory“ genommen das sich der ganz konkreten Frage nach der Entwicklung ressourceneffizienter Fabriken in der Stadt widmet.

Gemeinsame Konferenz mit der Heinrich-Boell-Stiftung: Ecosmart Urban Economy / Die regenerative Stadt III

Wesentlich für regenerative Stadtentwicklung ist, was in der Stadt produziert wird und nicht auf der grünen Wiese. Unternehmen, besonders Industrieunternehmen, sind große Rohstoff- und Energieverbraucher. Wir fragen: Wie können die existierenden Unternehmen in der jeweiligen Stadt  ressourcenschonender und energieeffizienter werden? Wie gelingt es, vermehrt „grüne“ Unternehmen anzusiedeln?

Dem ökologischen Ansinnen einer grüneren Ausrichtung der Wirtschaftsförderung kommt der ökonomische Trend entgegen, dass Unternehmen, auch Industrie, die Stadt brauchen – wegen des innovativen Umfelds, des Arbeitskräfteangebots, der Standortqualitäten. Die Fabrik der Zukunft wird ökologischer werden müssen, um den Standortanforderungen der Zukunft gerecht zu werden.

Die Tagung lotet das Spannungsfeld zwischen grüner Wirtschaftsförderung, der Suche nach potenten Gewerbesteuerzahlern und Standortbedürfnissen der Unternehmen aus. Welche Ansprüche an den Stadtraum haben (auch „grüne“) Unternehmen? Wie passt das mit anderen Nutzungsinteressen zusammen? Taugt Ecosmart Urban Economy (eine ressourceneffiziente und klimaschonende Wirtschaft im Kontext der Stadt) als universelles Leitbild kommunaler Wirtschaftspolitik?

Speaker:


Stefan Schurig
, World Future Council, Hamburg
Ramona Pop, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus
Jan Michael Hess, ecosummit.com, Berlin
Ulrich Petschow, Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung, Berlin
Birthe Bruckhoff, Wirtschaftsförderung metropoleruhr GmbH,
Martin Schössler, Stiftung Neue Verantwortung
Günter Schleiff, HHS Hegger Schleiff Architekten, Darmstadt Mülheim/Ruhr
Regina Sonntag, Stiftung Neue Verantwortung
Walter Oppermann, Volkswagen AG

Anmerkungen zum Projekt Future Urban Industries

von Prof. Dr. Klaus Brake

 

Das Projekt Future Urban Industries ist ein Plädoyer dafür, die Zukunft von Industrie in der Stadt erfolgversprechend zu prüfen.

Das ist unserer Entwicklungs-Situation angemessen und verdienstvoll.

Bei der Klärung, inwieweit das so ist und wie damit umzugehen wäre, sollten programmatische (Absichts-)Aspekte, analytische (Ermöglichungs-)Aspekte und konzeptionelle (Standort-Profil-)Aspekte deutlicher auseinander gehalten werden; dabei sind zentrale Positionen / Annahmen dieses Vorhabens zu diskutieren und zu präzisieren.

Die Marke Future Urban Industries sollte ruhig in Deutsch kommuniziert werden. Dann geht es nämlich – wie die Diskussion gezeigt hat – offenbar um: Zukunft, um Industrie und um Stadt.

Was also ist damit gemeint?

„Zukunft“: das ist hier weniger ein Problem, denn eine Herausforderung.

„Stadt“: sie wird geläufig als urbanes Umfeld verstanden. Wie wichtig aber soll „urban“ in diesem (oder einem anderen?) Sinne genommen werden? Je nachdem könnte die Kernstadt in den Blick kommen, oder eben (wie auch vorgeschlagen) die Stadtregion.

Das wäre zum einen für das (weitere) Vorhaben zu präzisieren.

„Industrie“, der Schlüsselbegriff dieses Vorhabens:

Als Wort-Synonym für industries würde es neutral um „Wirtschaftszweige“ gehen, im speziellen hier wohl um manufacturing. Das wäre begrifflich vielleicht auch garnicht so schlecht (s.u.). Denn „Industrie“ in einer Diskussion für Deutschland kann (wie sich im Gespräch auch gezeigt hat) leicht irreführend und kontraproduktiv wirken. Assoziiert wird nämlich „große“ (d.h. schwere) Industrie“ bzw. durchrationalisierte „fordistische Industrie“.

Dieser Charakter ist nicht mehr der zukünftig tragende – und damit kommuniziert „Industrie“ eine falsche Orientierung dessen, worum es mit diesem Projekt doch gehen soll.

Zielführender ist (wie im englischen manufacturing): Fertigung – im Unterschied zu Dienstleistungen.

Das wäre zum anderen für das (weitere) Vorhaben als zentrale Annahme zu präzisieren – und entsprechend auszudifferenzieren.

Die nachvollziehbare Absicht, Fertigung in Städten zu unterstützen, vorausgesetzt, könnte die analytische Frage demnach lauten:

Inwieweit kann es Fertigung in urbanem Umfeld geben?

Das ist eine notwendige Frage, denn diese Konstellation kollidiert weniger mit entsprechender Flächenextensität oder Umweltbelastung (den Erscheinungsformen insbesondere des überkommenen Industrie-Typs), als im Kern mit den marktwirtschaftlichen Grund-Bedingungen der Bodenrente, denen zufolge diejenigen Wirtschaftstätigkeiten sich regelmäßig aus städtischen / urbanen Standorten zurück ziehen (müssen), die keine adäquate Flächen-Rendite realisieren.

Etwas präziser würde die Frage also lauten: Lassen sich – auf der analytischen Ebene des Vorhabens – Potenziale für eine entsprechende Art von Fertigung in urbanem Umfeld identifizieren? (deren angemessenen Standorte dann (erst) zu definieren wären).

Das kann m.E. nur anhand der Figur „wissensintensive Ökonomie“ geklärt werden, die im Vorhaben bislang aber eher nur deklamatorisch mal vorkommt.

Dabei geht es um eine m.E. viel tragendere Kategorie als vielfach verhandelt. Gemeint ist eine der wesentlichen Ebenen, auf denen sich die aktuelle – und vergleichsweise sehr markante – Phase des permanenten Strukturwandels auswirkt. Rufen wir uns dazu hier jetzt nur kursorisch die zentralen Begriffe, wie: weitere und radikale „Globalisierung“, „Flexibilisierung“ und „Deregulierung“, auf, ohne sie bereits detaillierter auszuwerten, so läßt sich – im Ergebnis ihres Zusammenwirkens – für den Kontext dieses Vorhabens festhalten: Wir haben uns auf eine Güter-Produktion einzustellen, die sehr viel situativer verfaßt ist und schneller modifizierbar und auch kulturell jeweils adaptierbar sein muß. Und diese erfordert – allein auf der Produktions-Seite und auch noch unabhängig vom konkreten Arbeitsprozeß – einen weitaus höheren wirklich integrierten (und nicht nur zugelieferten) Anteil von FuE und von einem Erfahrungs- und Gestaltungs-Wissen, das erheblich kultur- und sozialwissenschaftlich auch fundiert ist (Lebensstiele). Im Ergebnis wird der Anteil „maßgeschneiderter“ bzw. „intelligenter“ Fertigung ganz erheblich zunehmen (zwischen Turbinen und Brillen, zwischen Pharmaka und Interieur), neben weiterhin notwendiger Massen-Fertigung. Darin könnten Potenziale für eine entsprechende Art von Fertigung in urbanem Umfeld identifizierbar sein, und zwar eben im Feld wissensintensiver Ökonomie, zu dem darüberhinaus FuE, strategische unternehmensberatende Dienstleistungen und Kreativwirtschaft zu zählen sind.

Auf einer entsprechenden Basis wäre dann zu klären: Welche für Wirtschafts-Subjekte individuell praktizierbaren Rahmenbedingungen sind dafür wichtig?

Auf der einen Seite sind das spezifisch qualifizierte und gezielt motivierbare MitarbeiterInnen. Sie brauchen Anregungen für die Produkte/Leistungen, die entsprechend individualisierend „ankommen“ sollen („Inspirationen“), und ebenso eine realisierbare work-life-balance. Für beides sind – auf der anderen Seite – urbane Umfelder die potenziellen „Optionsräume“. Und natürlich bieten gerade europäisch/atlantische Städte entsprechende strukturelle Qualitäten. Mit ihrer Nutzung durch eine veränderte Arbeits-/Produktions- und Reproduktions-Art (eben der „wissensintensiven Ökonomie“) kommt es zu derjenigen (Wieder-)Inwertsetzung städtischer Strukturen, für die der ewig bemühte R. Florida allein die bloße Existenz von TTT verantwortlich machen will. Dabei ist zu differenzieren, in welchem Maße ein betont urbanes Umfeld von jeweils spezifischer Bedeutung ist im Spektrum insbesondere zwischen Fertigung und Kreativwirtschaft – und damit der Aktionsraum „Kernstadt“ bzw. „Stadtregion“ die jeweils adäquate Untersuchungsfolie.

Facit 1

Neuartige Formen von Fertigung in urbanem Umfeld kann es geben. Eine ganz bestimmte Ausprägung „intelligenter“ Fertigung scheint sogar auf urbane Standorte angewiesen zu sein, und sie verspricht – mit ihrem hohen know-how-Anteil – eine entsprechende Flächen-Rendite. Solche Fertigung kann es im Wechselverhältnis ihrer Arbeits-Strukturen und der Intensität von Urbanität abgestuft auch in der weiteren Stadtregion geben. Entsprechend differenzierte Typen stadtaffiner Fertigung wären zu generieren.

Facit 2

Demgemäße Aktions-/Standort-Strukturen gilt es (zu identifizieren und) zu ertüchtigen (s. auch: Lissabon-Strategie / Metropolregionen). Darin liegen gerade Deutschlands (siedlungsstrukturell bedingten) Potenziale / Stärken.

Facit 3

Vorrangiger weiterer Klärungs- bzw.: Forschungs-Bedarf liegt nicht gleich – wie annonciert –beim „Fabrikbau“. Plausible Typen stadtaffiner Fertigung sind zunächst in Beziehung zu setzen zu damit kompatiblen räumlichen Nutzungs-Strukturen in urbanem Umfeld (Typen / Kernstadt/Stadtregion). Erst danach kann sinnvoll über gebäudliche Lösungen nachgedacht werden.

 

Kontakt zum Autor:

Prof. Dr. Klaus Brake
Technische Universität Berlin
Center for Metropolitan Studies

klaus.brake@metropolitanstudies.de
www.metropolitanstudies.de

 

Hintergrund:

Prof. Dr. Klaus Brake (geb. 1940) hat Architektur und Städtebau an der Technischen Universität Berlin studiert und an der Universität Bremen promoviert. Von 1975 bis 2000 hatte er an der Universität Oldenburg eine Professur für Stadt- und Regionalentwicklung inne. Seit 2000 arbeitet Klaus Brake selbstständig als Berater in Berlin. Gegenwärtig ist Klaus Brake zudem Gastprofessor am Center for Metropolitan Studies der Technischen Universität Berlin. Sein mittelfristiger Forschungsschwerpunkt sind Ursachen und Herausforderungen von Reurbanisierung im Kontext der Wissens- und Kreativökonomie.

Zur weiterführenden Lektüre empfohlen u.a.:

http://www.pressestelle.tu-berlin.de/newsportal/forschung/2010/tui0210_am_oekonomischen_limit/

http://www.berlin-institut.org/interviews/klaus-brake.html

 

 

Blick in die industrielle Zukunft der Stadt …aber wie?

Autorinnen: Dr. Daniela Baer, Regina Sonntag

Umweltverträgliche und effiziente Technologien ermöglichen heute ein neues Miteinander von Industrie und Stadt. Eine Reihe von Beispielen (Gläserne Manufaktur (VW) in Dresden oder Trumpf in Ditzingen) zeugen bereits von dieser neuen – oder besser: wiedererstarkten – Symbiose. Eine neue Zukunft der Industrie in der Stadt liegt in ihren Anfängen, doch wie sieht die Zukunft aus?

Ausgangspunkt der Überlegungen im Projektteam Future Urban Industries sind dabei zwei Grundannahmen:

I. Klare und eindeutige Prognosen über die Entwicklung der Städte und Industrien sind aufgrund einer hohen Zukunftsunsicherheit schwer möglich.

Lineare Hochrechnungen aktueller Wirtschaftentwicklungen sind kaum geeignet, die Zukunft präzise vorherzusagen. So ist das zu erwartende Wachstum oder die Abwanderung aus Regionen nicht vorhersehbar oder es lassen sich nur bedingt Vorhersagen über das Kreativpotential verschiedener Stadtteile treffen.

Gleichzeitig sind Industriebetriebe extremen Veränderungsmechanismen ausgesetzt. Unterschieden werden kann zwischen internen Faktoren (z. B. betriebswirtschaftliche, strategische, produkt- oder prozessorientierte Anpassungen, Innovationskraft) und externen Faktoren (z. B. technologischer Fortschritt, Ressourcen, Gesellschaft, Politik, Markt, Standortanpassungen). Mögliche Reaktionen der Unternehmen auf diese Zukunftsunsicherheit sind z.B. zurückhaltende Investitionstätigkeit in Produktion, Entwicklung, Personal, Gebäudebestand.

II. Die Zukunft der Stadt ist geprägt durch eine Vielfalt paralleler und vernetzter Entwicklungen.

Der technologische Wandel, neue Mobilitäts- und Logistikkonzepte oder der demographische Wandel sind Faktoren, die gleichzeitig zueinander ablaufen und zu hoch komplexen, städtischen Systemen führen können (vgl. Abb. 2). Die Gleichzeitigkeit von z.B. Schrumpfungsmechanismen in benachteiligten Regionen („shrinking cities“) und die clusterartige Verdichtung in Ballungsräumen („Blaue Banane/Blauer Stern“) stellt die Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Dabei finden sich diese Entwicklungen häufig auch kleinräumig nebeneinander innerhalb einer Stadt.

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Gleichzeitigkeit und Ausprägungsvielfalt der Faktoren

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Komplexität von Netzwerken –

Vielfalt der Vernetzung

Eine Antwort auf die beschriebene Zukunftsunsicherheit ist die Methode der Szenariotechnik. Die Szenarien dienen der Darstellung der vielfältigen zukünftigen Entwicklungen und bilden die Basis für heutige Entscheidungen in den Bereichen Standortplanung, Wirtschaftsförderung, Produktentwicklung und Produktionsgestaltung etc.

Das siebenköpfige FUI Team hat in einem ersten Schritt das Szenariofeld umrissen (Schritt 1, siehe unten stehende Grafik). Es umschreibt alle Einflussfaktoren auf die Industrie und die Stadt. Dabei wurden die drei Maßstabsebenen Mikro (konkreter Standort), Meso (näheres Umfeld) und Makro (Region bzw. Global) unterschieden, um eine klare Differenzierung der räumlichen Einflussebenen der verschiedenen Faktoren zu gewährleisten.

Die identifizierten 80 Einflussfaktoren wurden einer Einflussanalyse unterzogen, um jene Faktoren, zu identifizieren, die aktiv als auch passiv einen hohen Wirkungsgrad auf den Themenkomplex ‚Future urban Industries’ aufweisen (Schritt 2). Im Ergebnis wurden 12 Schlüsselfaktoren benannt, welche entscheidend für die zukünftige Entwicklung der Industrien in den Städten sind. Die folgende Grafik zeigt die Faktoren auf und in welcher Art und Weise sie Einfluss auf den Untersuchungsgegenstand nehmen.

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Einflussnahme der Faktoren auf die Entwicklung der Future Urban Industries in der Stadt

In einem dritten Schritt erarbeitete das Projektteam für jeden dieser Schlüsselfaktoren Projektionen, welche die unterschiedlich möglichen zukünftigen Entwicklungspfade beschreiben. Diese Projektionen bilden die Grundlage zu den Szenarien, die mit unterschiedlicher Ausprägung (Positiv, Trend, Negativ) formuliert werden können.

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Schematische Darstellung der Durchführung der Szenariotechnik (Heinz Nixdorf Institut, Paderborn nach J. Gausemeier „Ein Handbuch für die Strategische Planung u. Entwicklung der Produkte von morgen“, Carl Hanser Verlag, 2001)

Wesentliches Merkmal der Szenarien ist, dass sie sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern als mögliche Entwicklungen parallel in Erscheinung treten können. In diesem Projekt wurden zwei konsistente extreme Szenarien (Positiv- und Negativszenario) entwickelt, welche eine komplexe Grundlage zur Ableitung von Handlungsempfehlungen für die zukünftige Umsetzung der ‚Future Urban Industries’ bilden.

Standort Deutschland: Renaissance von Stadt und Industrie

Die Entwicklungen der letzten Jahre lassen für Deutschland sowohl eine Renaissance der Stadt als auch eine Renaissance der Industrie erkennen. Gerade die Finanz- und Staatenkrise zeigt, dass für die langfristige Positionierung des Wirtschaftsstandortes Deutschland in der Welt ein technologisch hochentwickelter und wettbewerbsfähiger industrieller Kern von elementarer Bedeutung ist. Der Vergleich mit anderen europäischen Volkswirtschaften verdeutlicht, dass Deutschland vielen Länder bei der industriellen Prägung bzw. sektoralen Spezialisierung, der technologischen Entwicklung, der Erschließung von Weltmärkten sowie der Etablierung eines starken Mittelstandes weit voraus ist.

Im Zuge des kontinuierlichen Strukturwandels und des gestiegenen internationalen Standortwettbewerbs kam es in den letzten Jahren auch in Deutschland zu einer Neuausrichtung des industriellen Kerns. Das Bild von riesigen Industriekomplexen mit standardisierter Massenfertigung, wie ehemals die Kohle- und Stahlverarbeitung im Ruhrgebiet oder großen Chemieparks, hat sich deutlich gewandelt. Hohe Dynamik im industriellen Sektor verzeichnen heute in Deutschland insbesondere flexible und technologisch anspruchsvolle Maschinen- und Anlagenhersteller sowie mittelständischen Medizintechnikbetriebe, die sich oft mit wenigen hundert Mitarbeitern auf dem Weltmarkt über die Erschließung von Nischenmärkten erfolgreich positioniert haben. Durch diesen Wandel der Branchen- und Betriebsstruktur haben sich die unternehmerischen Standortanforderungen sukzessive verändert. Harten Standortfaktoren, wie der Verkehrsanbindung oder Verfügbarkeit von Flächen, kommt weiterhin eine elementare Bedeutung zu. Im Zuge der gestiegenen Qualifikationsanforderungen der Industrie und des zunehmenden Fachkräftemangels gewinnen weiche Standortfaktoren sowie die Einbindung in Unternehmens- und Forschungsnetzwerke zunehmend an Bedeutung. Gerade diese veränderten Standortanforderungen begünstigen starke (Groß-)Städte, die sich als Zentren der Wissensgesellschaft etabliert haben und eine hohe Sogwirkung als attraktive Lebens-, Arbeits- und Wohnstandorte für junge und hochqualifizierte Menschen ausüben. Diese Entwicklungen können zu einer Verlangsamung und Trendumkehr der Deindustrialisierung und der Verlagerung der Industrie aus den Städten führen. Die Betrachtung hinsichtlich Zukunft der Industrie darf allerdings nicht an der herkömmlichen statistischen Abgrenzung von Industrie und Dienstleistungen enden. Denn unternehmensnahe und wissensintensive Dienstleistungen sind in einer hochentwickelten und arbeitsteiligen Volkswirtschaft integraler Bestandteil der industriellen Wertschöpfungskette und damit auch Teil der Industrie.

Von der aktuellen Renaissance der Industrie und vielen langfristigen Trends, wie dem demografischen Wandel oder Trends zur Wissenschaftsgesellschaft, können Städte und urbane Standorte im Gegensatz zur Peripherie profitieren und die Entwicklung aktiv begleiten. Durch gezielte Maßnahmen in den Bereichen Innen- und Flächenentwicklung, Ausbau der Bildungs- und Hochschullandschaft sowie Modernisierung der technischen und sozialen Infrastruktur können Städte ihre Standortqualitäten verbessern und bedarfsorientiert weiterentwickeln.

Der anhaltend hohe Standortwettbewerb, begrenzte finanzielle Gestaltungsspielräume vieler Kommunen sowie deutliche Synergien bei der interkommunalen Kooperation machen deutlich, dass Konzepte und Strategien der industriellen Erneuerung im Stadt-Umland-Verbund erfolgversprechend erscheinen. Durch gemeinsames und abgestimmtes Handeln von Stadt und Umland können Zentralitäts- und Infrastrukturvorteile der Zentren mit Flächen- und Kostenvorteilen des Umlandes verbunden werden. Erst durch vernetztes Handeln können Industriebetrieben im Verbund mit Zulieferern und Dienstleistern der Region vor dem Hintergrund weltweiter Investitionsmöglichkeiten die bestmöglichen Standortbedingungen vor Ort angeboten und sichergestellt werden. Die Diskussion um die Zukunft der Industrie darf nicht nur mit Bezug auf die Stadt geführt werden, sondern muss gerade dem funktionalen Zusammenspiel von Stadt und Umland Rechnung tragen.

Future Urban Industries: Vom Menschen aus gedacht

Geht es nach den Menschen, ist eine Fabrik nicht die Nachbarschaft, die man im Umfeld seines Wohnhauses wünscht. In der Stadtplanung sind daher die Gewerbegebiete meist an den Stadtrand gedrängt. Trotzdem gibt es historisch verankerte Produktionsstandorte in deutschen Städten wie zum Beispiel Beiersdorf in Hamburg. Auch einige Neuansiedlungen auf industriellen Brachflächen in Stadtgebieten sind auszumachen. Wie sieht deren Zukunft aus, wenn man die Stadtbewohner in der Nachbarschaft fragt? Gerade bei der deutschen Gesellschaft, die beim Umweltschutz eine weltweite Vorreiterstellung einnimmt und gleichzeitig Kindergeschrei in Pausenzeiten von Kitas als Lärmbelästigung empfindet, stehen städtische Produktionsstandorte unter besonders kritischer Beobachtung. Eine Verlagerung aus der Stadt hätte weniger Belastung durch Verkehrs- und Produktionsemissionen (Abgase, Lärm, Erschütterungen etc.) zur Folge. Zudem ergeben sich Gestaltungsmöglichkeiten, die häufig eine Aufwertung des Stadtbildes unter architektonischen Gesichtspunkten gestattet. Nicht zuletzt wird das Risiko für die Anwohner bei Havariefällen in der Produktion durch die räumliche Trennung reduziert.

Wäre daher einer städtischen Gesellschaft mehr gedient, wenn sich die Industrie in Zukunft aus der Stadt zurückzieht bzw. fern hält? Oder gibt es auch Gründe für ein Verbleiben von Industriestandorten im städtischen Raum? Welche Voraussetzung muss eine Industrieanlage erfüllen, damit sie bei den Stadtbewohnern akzeptiert wird? Wie viel Nähe ist akzeptabel, wie viel Abstand sinnvoll?

Durch eine Verlagerung der Produktion in das Umland entstehen längere Arbeitswege für die Mitarbeiter. Hierzu muss jedoch angemerkt werden, dass industrielle Arbeitsplätze aber nur noch einen kleinen und stetig schrumpfenden Anteil der Erwerbstätigen in Deutschland ausmachen. So arbeiten in der ehemaligen Industriehochburg Dortmund heute weniger als 10 % im verarbeitenden Gewerbe, Tendenz auch hier fallend. Weiterhin ist zu bedenken, dass eine Verlagerung eines Produktionsstandortes viel Geld kostet. Es besteht die Gefahr, dass im Gegenzug Arbeitsplätze gestrichen werden, um die Bilanz zu verbessern. Auch kann sich das Unternehmen für einen Standort in einer anderen Stadt oder in einem anderem Land entscheiden. Damit würden der Region bzw. dem Land wertvolle Arbeitsplätze verloren gehen.

Verkehrsminister Ramsauer fasst die Problematik in einem Interview mit den Worten zusammen: „Es gibt kein Industrieland ohne Nebenwirkungen. Ohne Energie und ohne Verkehr gibt es keine Investitionen und keine Arbeitsplätze. Aber wir müssen gleichzeitig das bewahren, was ein Gegengewicht zu diesen Belastungen bildet: unsere Lebensqualität und Kulturlandschaften.“
(Verkehrsminister Ramsauer in der FAZ am 21.12.2011 http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/verkehrsminister-ramsauer-es-gibt-kein-industrieland-ohne-nebenwirkungen-11575173.html)

Eine einfache Antwort auf die Frage, ob Industrie in der Stadt sinnvoll ist oder nicht, gibt es daher nicht. Eine zukunftsweisende, städtische Industrie muss aber zumindest emissionsarm sein, will sie in einer urbanen Nachbarschaft bestehen. Dies ist sicher, wenn man vom Menschen aus denkt.

 

 

Will smart cities reindustrialize urban areas?

Interessanter Kommentar in „China Daily“:

The software of cities can be modified through new technologies, but what about their hardware? „The Internet has changed our lives, but it has not yet changed our cities,“ remarked Vincent Guallart, chief architect at Barcelona City Hall, during a plenary session of the Smart City World Congress. The session was dedicated to debating the role of urban planners in designing the urban spaces in which we will live and work in the future.

Urban planners have played a fundamental role during critical moments in the history of cities, as demonstrated by Guallart as he summarized the urban development of Barcelona throughout its 2000 years of existence. „But now what? What’s next?“ he asked. According to Guallart, the key is to start by defining a city. „We could dissect a human body, and doctors from around the world would recognize the same anatomy and use the same terminology to solve or examine a particular problem. Yet we can’t do the same with cities,“ he said. That is why Guallart’s team, for the past 10 years, has been developing a model to define the anatomy of cities. Known as City Protocol, it is a veritable „city ID card“ that Barcelona is aiming to promote worldwide.

 

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