Was kennzeichnet Gewinnerstädte?

Erste Zwischenergebnisse unserer derzeit laufenden Umfrage ( Direktlink )  bieten einen überraschenden Einblick in die zugrundeliegenden Faktoren, aus denen sich der besondere Wachstumsmix der deutschen Städte in Zukunft zusammensetzen wird. Ist es an der Zeit, den „Urban Re-Mix“ auch für Deutschland auszurufen?

 

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Kann Energiepolitik das Problem der Deindustrialisierung lösen? Eine Replik auf Günther Oettinger

Eine Replik auf den Gastbeitrag von Günther Oettinger, EU-Kommissar für Energie:

Die industrielle Basis schwindet – Für Günther Oettinger kann nur eine kluge Energiepolitik die Deindustrialisierung Europas verhindern.

Handelsblatt MONTAG, 16. JULI 2012, NR. 135

Deutschland profitiert von seiner starken industriellen Basis. Soweit kann ich dem Beitrag von Herrn Oettinger uneingeschränkt zustimmen. Und sie ist zweifellos ein Schlüsselfaktor für die Future Urban Industries. Aber dem anschließenden Schwenk von der industriellen Basis zur Energiepolitik verknüpft mit der Botschaft, dass nur eine kluge Energiepolitik die Deindustrialisierung Europas verhindern könne, stehe ich kritisch gegenüber. Das möchte ich gerne anhand einiger Punkte erläutern.

Die Industrie verbraucht laut BMWI „nur“ ca. 28 % der Energie in Deutschland (Link zur Quelle beim BMWI).

Der Ansatz einer Energiewende bzw. die damit verbunden Preissteigerung zielt damit nicht auf die industrielle Fertigung im Speziellen sondern auf ein allgemeines Umdenken. Hier wirkt bei der Preisbildung das „Naturgesetz“ von Angebot und Nachfrage, dass m.E. nicht durch die Energiepolitik ausgehebelt werden sollte. Mit dem gleichen Argument, mit dem Herr Oettinger eine „Bezahlbarkeit“ der Energie fordert, um einen Wettbewerbsnachteil für die Industrie in Europa zu vermeiden, kann man die Senkung der Gewerbesteuer, der Mehrwertsteuer, der Mineralölsteuer, der Lohnnebenkosten und so fort verlangen. Es ist letztlich ein (Kurz-) Schluss, der den Zusammenhang stark vereinfacht.

Gerade die von ihm genannten Industrien der Metallherstellung sind (zum Teil noch) in Deutschland angesiedelt, da hier das Branchenwissen, die Sekundärstoffmärkte und die Absatzmärkte vorhanden sind. Zumal die Preisaufschläge des EEG bei den großen Abnehmern kaum greifen, wie Stefan Schultz eindrucksvoll aufzeigt (Link zu Spiegel Online). Andererseits zeigt die Abwanderung der Eisen- und Stahlindustrie aus dem Ruhrgebiet in den letzten Jahrzehnten, dass eine Schrumpfung in dieser Branche nicht erst durch die Energiewende bzw. Strompreissteigerung hervorgerufen wurde. Gerade für das Ruhrgebiet ist daher die Entwicklung von Future Urban Industries, wahrscheinlich ohne metallherstellende Industrie, besonders wichtig.

Ferner muss bzgl. der Preissteigerung die Frage erlaubt sein: Wer macht denn den Strompreis? Energiekonzerne in Deutschland sind lukrative Unternehmen. Sie verdienen am Vertrieb der Energie, das ist ihr Geschäft. Dafür müssen sie aber auch die Verantwortung für eine nachhaltige Gewinnung und leistungsfähige Infrastruktur übernehmen. Wenn in dieser Branche mit vier Hauptwettbewerbern nun durch eine Energiewende die Gewinne geringer ausfallen, ist das volkswirtschaftlich vertretbar. Man klagt in dieser Branche auf hohem Niveau (s.u.), welches z.T. auch durch längere Laufzeiten der alten, abgeschriebenen und nicht auf mehr dem neuesten Stand der Technik befindlichen Atomkraftwerke erreicht wurde. Und damit entsteht der Gewinn auch auf Kosten der Gesellschaft.

Deutschlands größter Energiekonzern Eon verdaut weiter die Folgen des Atomausstiegs und des verschärften Wettbewerbs. Die Abschaltung mehrerer Atomkraftwerke, ein schwächeres Gashandelsgeschäft sowie Probleme in Großbritannien belasteten in den ersten neun Monaten den Konzern, bei dem derzeit 11 000 Arbeitsplätze vor dem Aus stehen. Wie das Unternehmen am Mittwoch mitteilte, stieg zwar der Umsatz um 21 Prozent auf 77,5 Milliarden Euro. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) sank aber um 39 Prozent auf 6,553 Milliarden Euro. (Link zur Quelle)

Deutschlands zweitgrößter Energiekonzern RWE leidet weiter unter dem Atomausstieg und einer schwächeren Nachfrage in Europa. Die Essener wollen dennoch weiterhin das Vorjahresergebnis halten. In den ersten drei Monaten sackte der Umsatz leicht um 1,0 Prozent auf 15,59 Milliarden Euro ab, wie der DAX-Konzern in Essen bekanntgab. Das betriebliche Ergebnis ging um 13,8 Prozent auf 2,44 Milliarden Euro zurück. Das um eine Reihe von Sondereffekten bereinigte so genannte nachhaltige Nettoergebnis sank um 20 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro. Ohne diese Bereinigungen fiel der Rückgang mit fast 28 Prozent noch höher aus. Mit den Zahlen lag RWE noch leicht unter den Schätzungen der von dpa befragten Analysten. Die RWE-Aktie lag vorbörslich leicht im Plus. (Link zur Quelle)

Deutschlands drittgrößter Versorger EnBW kämpft nach der Abschaltung von zwei seiner vier Atomkraftwerke weiter mit rückläufigen Gewinnen. Im Auftaktquartal dieses Jahres stieg zwar der Umsatz um 1,4 Prozent auf 5,1 Milliarden Euro, wie der mehrheitlich im Staatsbesitz befindliche Konzern am Dienstag in Karlsruhe mitteilte. Sinkende Strompreise auf den Großhandelsmärkten sowie der Stillstand von zwei Atommeilern in Neckarwestheim und Philippsburg ließen jedoch den um Sondereffekte bereinigten operativen Gewinn (Ebitda) um 4,4 Prozent auf 914,8 Millionen Euro sinken. (Link zur Quelle)

Der in Deutschland beschlossene Atomausstieg und auch fallende Strompreise machten Vattenfall zu schaffen. Der in Deutschland beschlossene Atomausstieg hat das Jahresergebnis des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall schwer belastet. Der Gewinn 2011 sank um mehr als 300 Millionen Euro, das ist ein Fünftel (21 Prozent) weniger als im Vorjahr, wie das schwedische Staatsunternehmen mitteilte. Er belief sich auf 10,4 Milliarden Kronen (1,18 Mrd Euro) nach 13,2 Milliarden Kronen im Jahr 2010. Der Umsatz ging im Jahresvergleich um 15 Prozent auf 181 Milliarden Kronen zurück. Die Wende in der Atompolitik in Deutschland habe die Bilanz mit 10,5 Milliarden Kronen belastet, sagte Konzernchef Øystein Løseth. (Link zur Quelle)

Es sollte zudem bedacht werden, dass die „Energiequellen“ für unsere heutige Stromproduktion Importe sind (Link zur Quelle). Hier stimmte ich mit Herr Oettinger überein, der als „Ziel der Energiepolitik eine effiziente Energieerzeugung und -verwendung“ fordert, um die Abhängigkeit von Importen zu verringern. Der von ihm angemahnte effiziente Umgang mit Energie wird aber gerade über steigende Strompreise schnell erreicht. Erst wenn fossile Brennstoffe aufgrund ihrer Knappheit und der schwierigen Förderbedingungen immer teurer werden, rechnen sich Alternativen. Insofern besteht ein Widerspruch zur gewünschten „Bezahlbarkeit“ des Kommissars. Denn diese können wir bei unserem derzeitigen System nur erreichen, wenn die Rohstoffe bezahlbar bleiben. Das wir darauf aber kaum Einfluss haben bzw. der Verbrauch von fossilen Brennstoffen mehr als einen Nachteil hat, ist bekannt. Insofern bleibt der Gastbeitrag die Antwort schuldig, wie die kluge Energiepolitik in Bezug auf die Energiequellen gestaltet und die damit einhergehende Bezahlbarkeit sichergestellt werden soll.

Letztlich ist die infrastrukturelle Energieversorgung in Deutschland gesichert bzw. mit Investitionen absicherbar. Dies kann sowohl für ländliche als auch städtische Regionen angenommen werden, weshalb die Energiepolitik in Deutschland für die industrielle Basis und damit auch die FUI nur eine untergeordnete Rolle spielt. Wenn die Infrastruktur für eine flächendeckende Versorgung nicht ausreicht, liegt dies womöglich eher daran, dass vor dem Ziel der kurzfristigen Gewinnmaximierung nicht ausreichend in das Netz investiert wird.

Als Fazit sei festgehalten, dass eine Versorgungssicherheit mit Energie in Deutschland und Europa gegeben sein muss, um eine effiziente und wettbewerbsfähige industrielle Produktion zu gewährleisten. Dafür haben die Energiekonzerne und auch die Politik Sorge zu tragen. Eine Garantie auf die „Bezahlbarkeit“ des Strom kann und wird es aber nicht geben. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Standortentscheidungen für die Produktion multikriteriell (also nicht nur über den Strompreis) getroffen werden und dabei hoffentlich bald auch die Städte in Deutschland wieder stärker in den Fokus rücken. Somit ist weitaus mehr gefordert als eine kluge Energiepolitik, um eine Deindustrialisierung Europas zu verhindern.

Umfrage: Wie wichtig ist die Industrie für die zukünftige Entwicklung des urbanen Raums?

Die Diskussion über ein neues Miteinander von Stadt und Industrie hat gerade erst begonnen. Unsere Umfrage dient in Verbindung mit der laufenden Diskussion dazu, einige Aspekte des Themas einzugrenzen und zu ordnen. Bis zum Herbst 2012 wird die Projektgruppe „Future Urban Industries“ weitere Handlungsempfehlungen erarbeiten und mit Vertretern aus Industrie, Politik und Verbänden über Lösungsmöglichkeiten und Zukunftsszenarien diskutieren.

An unserer Online-Umfrage können Sie hier teilnehmen: Zur Umfrage

Die Chancen Industrie- und Stadtentwicklung wieder stärker miteinander zu verzahnen sind da. Grundvoraussetzung dafür sind, dass die Unternehmen urbane Räume und ihre Besonderheiten gezielt in Ihre Überlegungen mit einfließen lassen. Dazu gehört insbesondere, weichen Standortfaktoren bei der Industriepolitik mehr Gewicht zu verleihen. Gleichzeitig müssen die städtischen Planer bereit sein, der Industrie wieder mehr Raum zu geben.

Die Unternehmen der Zukunft brauchen gute Mitarbeiter, Wissen und Innovationen. Wenn es gelingt, dies wieder stärker im urbanen Raum miteinander zu verknüpfen, ohne dabei städtisches Leben zu belasten, können alle davon profitieren: Bürger, Unternehmen, Verwaltung und Politik.

Ihr Projektteam „Future Urban Industries“

Berlin, 15. Juni 2012

Future Urban Industries – kehrt die Produktion in die Stadt zurück?

Thomas Nieber, Mitglied des Aufsichtsrates der Beiersdorf AG, Moritz Krueger, CEO von MYKITA und weitere Gäste diskutieren über Herausforderungen und Chancen von Urban Industries als Industrietrend und neues Phänomen integrierter Stadtplanung.

Hoch qualifizierte Arbeitskräfte, unternehmensnahe Dienstleistungen und Forschungsnetzwerke sind drei zentrale Wachstumsvoraussetzungen für die Industrien von morgen. Industrien, die den urbanen Kontext für Ihre Entwicklung brauchen. Ist es daher an der Zeit, die Rückkehr der Produktion in die Stadt auszurufen?

Deutschland sollte sich diesen Wettbewerbsvorteil erhalten und Anreize schaffen, auch in Zukunft eine starke industrielle Basis zu erhalten. Gegen die aktuellen Trends wird sich das allerdings kaum bewerkstelligen lassen. Deshalb muss über neue industriepolitische Ansätze nachgedacht werden, die diesen Trends gerecht werden. Ein aussichtsreicher Ansatz dafür ist die Reintegration industrieller Produktion in urbane Räume. Diese Fragen stehen im Fokus des BERLIN CIRCLE mit führenden Vertretern aus Stadtforschung und führenden Industrieunternehmen, für die städtische Re-Integration gelebte Unternehmenswirklichkeit und Zukunftsfrage ist.

| DISKUTANTEN

| Tomas NIEBER, Abteilungsleiter Wirtschafts- und Industriepolitik IG BCE, Mitglied des Aufsichtsrates, Beiersdorf AG

| Moritz KRUEGER, CEO & Creative Director, MYKITA

| Prof. Dr. Karin WILHELM, Professorin für Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt, TU Braunschweig (angefragt)

| MODERATION

| Martin Hagen Schössler, Fellow, stiftung neue verantwortung, Projektleiter „Future Urban Industries“

Standort Deutschland: Renaissance von Stadt und Industrie

Die Entwicklungen der letzten Jahre lassen für Deutschland sowohl eine Renaissance der Stadt als auch eine Renaissance der Industrie erkennen. Gerade die Finanz- und Staatenkrise zeigt, dass für die langfristige Positionierung des Wirtschaftsstandortes Deutschland in der Welt ein technologisch hochentwickelter und wettbewerbsfähiger industrieller Kern von elementarer Bedeutung ist. Der Vergleich mit anderen europäischen Volkswirtschaften verdeutlicht, dass Deutschland vielen Länder bei der industriellen Prägung bzw. sektoralen Spezialisierung, der technologischen Entwicklung, der Erschließung von Weltmärkten sowie der Etablierung eines starken Mittelstandes weit voraus ist.

Im Zuge des kontinuierlichen Strukturwandels und des gestiegenen internationalen Standortwettbewerbs kam es in den letzten Jahren auch in Deutschland zu einer Neuausrichtung des industriellen Kerns. Das Bild von riesigen Industriekomplexen mit standardisierter Massenfertigung, wie ehemals die Kohle- und Stahlverarbeitung im Ruhrgebiet oder großen Chemieparks, hat sich deutlich gewandelt. Hohe Dynamik im industriellen Sektor verzeichnen heute in Deutschland insbesondere flexible und technologisch anspruchsvolle Maschinen- und Anlagenhersteller sowie mittelständischen Medizintechnikbetriebe, die sich oft mit wenigen hundert Mitarbeitern auf dem Weltmarkt über die Erschließung von Nischenmärkten erfolgreich positioniert haben. Durch diesen Wandel der Branchen- und Betriebsstruktur haben sich die unternehmerischen Standortanforderungen sukzessive verändert. Harten Standortfaktoren, wie der Verkehrsanbindung oder Verfügbarkeit von Flächen, kommt weiterhin eine elementare Bedeutung zu. Im Zuge der gestiegenen Qualifikationsanforderungen der Industrie und des zunehmenden Fachkräftemangels gewinnen weiche Standortfaktoren sowie die Einbindung in Unternehmens- und Forschungsnetzwerke zunehmend an Bedeutung. Gerade diese veränderten Standortanforderungen begünstigen starke (Groß-)Städte, die sich als Zentren der Wissensgesellschaft etabliert haben und eine hohe Sogwirkung als attraktive Lebens-, Arbeits- und Wohnstandorte für junge und hochqualifizierte Menschen ausüben. Diese Entwicklungen können zu einer Verlangsamung und Trendumkehr der Deindustrialisierung und der Verlagerung der Industrie aus den Städten führen. Die Betrachtung hinsichtlich Zukunft der Industrie darf allerdings nicht an der herkömmlichen statistischen Abgrenzung von Industrie und Dienstleistungen enden. Denn unternehmensnahe und wissensintensive Dienstleistungen sind in einer hochentwickelten und arbeitsteiligen Volkswirtschaft integraler Bestandteil der industriellen Wertschöpfungskette und damit auch Teil der Industrie.

Von der aktuellen Renaissance der Industrie und vielen langfristigen Trends, wie dem demografischen Wandel oder Trends zur Wissenschaftsgesellschaft, können Städte und urbane Standorte im Gegensatz zur Peripherie profitieren und die Entwicklung aktiv begleiten. Durch gezielte Maßnahmen in den Bereichen Innen- und Flächenentwicklung, Ausbau der Bildungs- und Hochschullandschaft sowie Modernisierung der technischen und sozialen Infrastruktur können Städte ihre Standortqualitäten verbessern und bedarfsorientiert weiterentwickeln.

Der anhaltend hohe Standortwettbewerb, begrenzte finanzielle Gestaltungsspielräume vieler Kommunen sowie deutliche Synergien bei der interkommunalen Kooperation machen deutlich, dass Konzepte und Strategien der industriellen Erneuerung im Stadt-Umland-Verbund erfolgversprechend erscheinen. Durch gemeinsames und abgestimmtes Handeln von Stadt und Umland können Zentralitäts- und Infrastrukturvorteile der Zentren mit Flächen- und Kostenvorteilen des Umlandes verbunden werden. Erst durch vernetztes Handeln können Industriebetrieben im Verbund mit Zulieferern und Dienstleistern der Region vor dem Hintergrund weltweiter Investitionsmöglichkeiten die bestmöglichen Standortbedingungen vor Ort angeboten und sichergestellt werden. Die Diskussion um die Zukunft der Industrie darf nicht nur mit Bezug auf die Stadt geführt werden, sondern muss gerade dem funktionalen Zusammenspiel von Stadt und Umland Rechnung tragen.

Future Urban Industries: Vom Menschen aus gedacht

Geht es nach den Menschen, ist eine Fabrik nicht die Nachbarschaft, die man im Umfeld seines Wohnhauses wünscht. In der Stadtplanung sind daher die Gewerbegebiete meist an den Stadtrand gedrängt. Trotzdem gibt es historisch verankerte Produktionsstandorte in deutschen Städten wie zum Beispiel Beiersdorf in Hamburg. Auch einige Neuansiedlungen auf industriellen Brachflächen in Stadtgebieten sind auszumachen. Wie sieht deren Zukunft aus, wenn man die Stadtbewohner in der Nachbarschaft fragt? Gerade bei der deutschen Gesellschaft, die beim Umweltschutz eine weltweite Vorreiterstellung einnimmt und gleichzeitig Kindergeschrei in Pausenzeiten von Kitas als Lärmbelästigung empfindet, stehen städtische Produktionsstandorte unter besonders kritischer Beobachtung. Eine Verlagerung aus der Stadt hätte weniger Belastung durch Verkehrs- und Produktionsemissionen (Abgase, Lärm, Erschütterungen etc.) zur Folge. Zudem ergeben sich Gestaltungsmöglichkeiten, die häufig eine Aufwertung des Stadtbildes unter architektonischen Gesichtspunkten gestattet. Nicht zuletzt wird das Risiko für die Anwohner bei Havariefällen in der Produktion durch die räumliche Trennung reduziert.

Wäre daher einer städtischen Gesellschaft mehr gedient, wenn sich die Industrie in Zukunft aus der Stadt zurückzieht bzw. fern hält? Oder gibt es auch Gründe für ein Verbleiben von Industriestandorten im städtischen Raum? Welche Voraussetzung muss eine Industrieanlage erfüllen, damit sie bei den Stadtbewohnern akzeptiert wird? Wie viel Nähe ist akzeptabel, wie viel Abstand sinnvoll?

Durch eine Verlagerung der Produktion in das Umland entstehen längere Arbeitswege für die Mitarbeiter. Hierzu muss jedoch angemerkt werden, dass industrielle Arbeitsplätze aber nur noch einen kleinen und stetig schrumpfenden Anteil der Erwerbstätigen in Deutschland ausmachen. So arbeiten in der ehemaligen Industriehochburg Dortmund heute weniger als 10 % im verarbeitenden Gewerbe, Tendenz auch hier fallend. Weiterhin ist zu bedenken, dass eine Verlagerung eines Produktionsstandortes viel Geld kostet. Es besteht die Gefahr, dass im Gegenzug Arbeitsplätze gestrichen werden, um die Bilanz zu verbessern. Auch kann sich das Unternehmen für einen Standort in einer anderen Stadt oder in einem anderem Land entscheiden. Damit würden der Region bzw. dem Land wertvolle Arbeitsplätze verloren gehen.

Verkehrsminister Ramsauer fasst die Problematik in einem Interview mit den Worten zusammen: „Es gibt kein Industrieland ohne Nebenwirkungen. Ohne Energie und ohne Verkehr gibt es keine Investitionen und keine Arbeitsplätze. Aber wir müssen gleichzeitig das bewahren, was ein Gegengewicht zu diesen Belastungen bildet: unsere Lebensqualität und Kulturlandschaften.“
(Verkehrsminister Ramsauer in der FAZ am 21.12.2011 http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/verkehrsminister-ramsauer-es-gibt-kein-industrieland-ohne-nebenwirkungen-11575173.html)

Eine einfache Antwort auf die Frage, ob Industrie in der Stadt sinnvoll ist oder nicht, gibt es daher nicht. Eine zukunftsweisende, städtische Industrie muss aber zumindest emissionsarm sein, will sie in einer urbanen Nachbarschaft bestehen. Dies ist sicher, wenn man vom Menschen aus denkt.